Irren ist menschlich?!  - Oder: Auch dem fähigsten und zuverlässigsten 
Beamten (...) unterläuft  gelegentlich ein Fehler (...)1  
Ministerialbürodirektor a.D. Alwin Rettig und sein preußisches EK2

(Urheberrecht bei mir)

 


Historische Papiernachlässe sind bekannter weise Geschmacks- und manchmal
auch Geruchssache
und werden  auch wegen ihres vermeintlichen Wertes und möglichen historischen
Interesses (oder auch nicht) in Sammlerkreisen divergierend diskutiert. Die hier
vorgestellte Personalakte nebst Dekoration und Orginalband von Alwin Rettig
konnte der Verfasser  vor kurzem bei einem größeren Onlinehändler sichten und
mit etwas Verhandlungsgeschick (die Jahre machen`s!) zu einem für beide Seiten
akzeptablen Preis erwerben.  Besondere Neugierde erweckte dabei die Tatsache,
dass die beinhalteten Unterlagen
nur auszugsweise vorgestellt und auf den Bildern deutlich erkennbar war, wonach
sich weitere offenbar auch umfangreiche private Dokumente des Trägers und
seiner Familie (beispielsweise Abstammungsurkunden zwecks des damals
üblichen Nachweises einer arischen Abstammung, Militärpass, Reisepass und
Civilversorgungsschein)  erhalten hatten. Nicht selten gilt hier die Losung infolge
von Desinteresse der Nachkommen:  Endstation örtlicher Papiercontainer.
Dem war vorliegend erfreulicherweise nicht so.
Der nachfolgende Aufsatz soll dem interessierten Leser die wesentlichen
Ereignisse im dienstlichen und ausserdienstlichen Leben von Rettig –er erlebt drei
politische Systeme- nahebringen:


(Philipp) Alwin  Rettig wird ausweislich des Taufregisters der evangelischen
Dorotheenstädtischen Kirche am 15. Juli 1864 in der Hauptstadt Berlin als
unehelicher Sohn der Ernestine Emilie Rettig, Handarbeiterin zu Berlin, in
einfachen Verhältnissen geboren.
Weitere Kinder folgen im Jahre 1867 (Ida Sidonie, später verheiratet mit dem
Hauptmann a.D. Roos – 1906 nach Callao in Peru ausgewandert; dort
gewerbeführend als Luis Roos & Co.)  und 1871 Conrad Gustav (später Kaufmann
in Osnabrück, verst. 1953). Ein Vater von Alwin ist nicht verzeichnet. Das Fest der
heiligen Taufe empfängt er bereits  wenige Tage später, am 24. Juli 1864 – ein für
damalige Zeiten infolge der hohen Kindersterblichkeit nicht unüblicher Vorgang.
Seine Mutter ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und gebürtige Potsdamerin; als
Vater der Mutter ist der Zimmereigeselle Christian Rettig und dessen Ehefrau
Wilhelmine (geb. Bertram) genannt.  Der sich ebenfalls erhaltene Confirmations-
Schein nennt als Datum seiner Konfirmation den 30.März 1879 in der
Heiliggeistkirche zu Potsdam. Alwin ist zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt und
erlernt die Profession eines Schreibers, Registrators und Bureaugehülfen in
Potsdam, wie einem Attest des Ökonomie und Kommissionsrathes Engel vom
15.8.1883 entnommen werden kann. Seine Leistungen werden als gut bewertet. 
Wenige Wochen später erfolgt sein Diensteintritt am 1.10.1883 als Dreijährig
Freiwilliger bei der 6. Fahrenden Batterie des Feld Artillerie Regiments (General
Feldzeugmeister – 1. Brandenburgisches Nr.3) zu Berlin. Verheiratung und Kinder
sind zu diesem Zeitpunkt noch verneint. Er bleibt diesem Truppenteil bis
31.8.1892 zugehörig und wird zwischenzeitlich wiederholt befördert (19.12.84 –
Gefreiter, 2.12.85 – Obergefreiter (da Artillerist),
7.10.86 – Unteroffizier und schließlich am 12.3.89 zum Sergeanten). Am 1.
September desselben Jahres verlässt Sergeant Rettig seine Stammtruppenteil
und wird zur 8. Kompagnie Infanterieregiment 48 versetzt. Die Gründe hierfür
dürften aus der mangelnden Planstelle zum Feldwebel (da Sergeant) resultiert
haben – seine Beförderung zum Feldwebel erfolgt unmittelbar nach der
Versetzung bereits am 24.9.1892 mit dem Zusatz „etatmäßiger Zahlmeister-
Aspirant“ – er ist nunmehr  Portepeeunteroffizier. Ein „Mieths-Kontrakt“ vom
7.10.1892 mit der Hausbesitzerin Roese nennt seinen Wohnsitz mit Sturmstraße
(?) Nr. 28 IV Vorderhaus. Die monatliche Miete wird mit 23,75 Mk. angegeben.
Nach einer 2 jährigen diesseitigen Verwendung wird er zur 13. Kompagnie des
Infanterieregiments General Feldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen (8.
Brandenburgisches) Nr. 64 versetzt.
Ein Schreiben des Militärintendanten des III. AK vom 29.5.1894 bescheinigt ihm
die Aufnahme als Anwärter in den „Intendantursekretariatsdienst“. Wenig später
besteht er die Prüfung mit dem Prädikat „vorzüglich fähig“ und zur Wahrnehmung
einer Stelle eines „expedierenden Sekretärs und Kalkulators“ geeignet.
Durch Verfügung des Kriegsministeriums vom 30.9.1895 wird er aus dem
Militärdienst entlassen.
Gleichzeitig übersendet ihm die Militärverwaltung  seinen –sicherlich begehrten-
Civilversorgungsschein nach einer Dienstzeit von 12 Jahren mit dem Zusatz „zur
Berechtigung einer Anstellung bei den Verwaltungen der Kommunalbehörden“. 
Vorausgegangen ist sein Ansuchen an die Intendantur des III. AK., ihn nunmehr
im Intendanturdienst  zu verwenden, welchem von dortiger Seite aus
entsprochen wurde. Er habe sich alsbald als Bureau-Diätar bei der Intendantur
des VII. AK in Münster / Westfalen einzufinden.
An Orden ist zu diesem Zeitpunkt lediglich die Dienstauszeichnung 3. Klasse
(„Säuferschnalle“) verzeichnet. Seine Leistungen werden mit „vorzüglich fähig“
bezeichnet, Strafen sind keine genannt.
Feldwebel (ab nun: Burodiätar mit einem „jährlichen Gehalt von 1500 Mk.“  -  am
4.7.1896 Intendantur Sekretariatsassistent genannt – m.W.v. 1.4. 1897:
Militärintendatursekretär).
Rettig ist zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt, verfügt über  eine für seine Vorbildung
entsprechende Stelle und weist ein durchaus gutes heiratsfähiges Alter auf.  In
dieser Zeit lernt er seine spätere Frau Laura Sophia Dorothea Schwarze (Witwe
des Bureauvorstehers Gustav Franke, geboren 1864 in Soest) kennen. Kurz vor
Weihnachten 1898 erhält Militärintendantursekretär Rettig die  Genehmigung des
Militärintendanten des VII. AK zur Vermählung.
Er heiratet bereits  am 3. Januar 1899 in Elberfeld. Seine Kollegen telegraphieren
und beglückwünschen das „junge Paar“.
Seine Frau ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger und gebärt im
darauffolgenden Monat (18.2.1899) den ältesten Sohn Hans in Münster. Die
Gründe weswegen Rettig in Elberfeld seine Frau ehelicht, bleiben im
Verborgenen. Hans wird 1914 in Potsdam (sicherlich wegen der dort verwurzelten
Familie) konfirmiert.  Im Jahre 1902 (27.9.1902) folgt die weitere Geburt des 2.
Sohnes Franz Heinrich Wilhelm Rettig. Weitere Abkömmlinge von Rettig sind nicht
genannt. Seiner dortigen Stelle bleibt er bis 1903 treu. Mit seiner Versetzung wird
er entsprechend durch den Intendant des VII. AK dem wirklich geheimen
Kriegsrat von Scheer beurteilt. Dabei findet sich die löbliche Erwähnung, wonach
Rettig auch fast täglich außerhalb der Dienststunden im Bureau tätig und mit
Umsicht, Verständnis und (...) peinlichster Sorgfalt sich vorbildlich verhalten und
er seinen Vorgesetzten eine hervorragende Stütze war  - eine echter Preuße also.
Seine Versetzung führt ihn quer durch das Reich – an die Ostgrenze nach
Königsberg (Intendantur I. AK). 1904 wird sein Gehalt erhöht und mit 2700 Mk.
beziffert. Entsprechende Kinderzuschläge werden durch das Reich entrichtet. In
dieser Verwendung verbleibt er bis zum Jahre 1906. Man könne auf ihn dort auch
nicht verzichten, es herrsche Mangel an Personal.

Er wird am 1.10.1906 –zurück
in Potsdam -  er wohnt in der Kleinen Weinmeisterstraße 3 - durch den Chef-
Präsident der Rechnungskammer Magdeburg zum Geheimen Rechnungsrevisor
beim Rechnungshof des Deutschen Reiches -  ernannt. Als Gehalt wird ihm
nunmehr das stattliche Salär von 3500 Mk. p.a. nebst Wohngeld von 660 Mk. p.a.
zugesprochen. Zusätzlich wird ihm als „mittlerer“ Beamter am 31.5.1907 eine
Beilhilfe von 150 Mk. extra zugesprochen. Sein Besoldungsdienstalter wird 1908 
gemäß einer Anweisung des Kriegsministerium im Einvernehmen mit der
Reichsfinanzverwaltung als ehemaliger Zahlmeister auf den 1.10.1898 (vorläufig)
festgesetzt. Er erhält –auch wegen einer bewilligten Teuerungszulage- nunmehr
den jährlichen Betrag von 4500 Mk. – später sogar 4800 Mk. Seine Leistungen
dürften sich auch weiterhin im guten oder vorzüglichen Bereich bewogen haben,
da er –jederzeit widerruflich-
am 8.11.1909 mit den Aufgaben eines Kassen- und Aufsichtsführers bei dem
Zivil-Militärhaus betraut wird. 1912 bezieht er infolge des weiter gestiegenen
Besoldungsalters den Betrag von 5400 Mk. pro Jahr.


Im Juni 1914 überschlagen sich die Ereignisse  und das Deutsche Reich taumelt
infolge des Dreibunds und des Gelöbnisses an die Bundesbrüder (vorherrschend
Österreich-Ungarn) am 1.August 1914 in einen Krieg mit den Erzfeinden der
Entente und wenig später mit dem Zarenreich Russland.3
Das sich hieraus ein kräftezehrender und verlustreicher Weltkrieg entwickeln
würde, liegt den meisten Deutschen sicherlich außerhalb ihres eigenen
Vorstellungsvermögens. Man hofft infolge der vermeintlichen
Waffenüberlegenheit (Krupp – unsere Kanonen schießen weiter!) zum Erzfeind
Frankreich um einen schnellen Sieg.  Weihnachten –so wird propagiert- wolle man
(schließlich) pünktlich wieder in Berlin zu Hause sein.
Ganz im Zeichen, wonach Korrektheit ja bekannter weise  die Mutter des
Beamtentums sei, lässt das Kriegsministerium auch Rechnungsrevisor
(Rechnungsrat) Rettig am 14.September 1914 wissen, dass er infolge der
„Mobilmachung“ mit der Stelle eines Abteilungsvorstands bei der
stellvertretenden Intendantur des XVII. AK. widerruflich beliehen sei und
Anspruch auf Gebührnisse eines Intendanturrates als Abteilungsvorstand habe. Er
habe sich –weiterhin- so die Anweisung des Präsidenten des Rechnungshofes des
Deutschen Reiches (Holtz) zu diesem Zwecke alsbald nach Danzig an die Ostsee
zu begeben. Bereits nach wenigen Monaten - Anfang des Jahres 1915 kehrt Alwin
Rettig ausweislich eines Militär-Telegramms zurück, um seine neue Verwendung
im Kriegsministerium Abteilung B2 anzutreten – verbunden mit einer
Höhergruppierung seiner Bezüge auf nunmehr ca. 6300 Mk. (mit Zulage summa
6600 Mk.). Aus dieser Zeit hat sich ein Umlaufschreiben des Kriegsministers Wild
von Hohenborn erhalten, in welchem dieser
„beim Inspizieren“ Einblicke in die Arbeit des KM gewonnen habe und er den
dortigen Angehörigen (...) seinen Dank und Anerkennung ausspreche, verbunden mit der Erwartung
dem Kampfe zu einem ruhmvollen Ende zu verhelfen (...) – man rechnete also in
der Staatsführung beständig  mit einem baldigen Ende der Kampfhandlungen. Für
seine Vorstellung über die Kriegsgefangenenlager in Deutschland erhält Rettig
am 31.1.1916 durch den Chefpräsidenten der Oberrechnungskammer eine
Belobigung verbunden mit einem Geldgeschenk von 100 Mk.
Im Herbst desselben Jahres lässt man ihn wissen, dass er wegen seines
„Sachverstands“ für eine Verwendung bei der Rechnungsprüfung der
Heeresverwaltung im Generalgouvernement Warschau
vorgesehen sei. Er habe die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen und sich
beim dortigen Kommissar, dem Geh. Oberregierungsrat Lovenfosse zum Dienst
zu melden. Er erhalte hierfür eine monatliche Zulage von 450 Mk. und habe
gemäß den Anweisungen das für Zivilbeamte vorgeschriebene Tragen der
Uniform um eine einmalige Beihilfe von 700 Mk. nachzusuchen. Passdokumente
für die Dienstreise nach Warschau seien auszufertigen. Ein entsprechender
Reisepass von Alwin Rettig hat sich ebenfalls erhalten. Er weist eine Befristung
bis 8.9.1917 auf und ist mit mehreren Vermerken der Grenzüberwachungsstelle
Alexandrowo versehen. Rettig hat sich ausweislich weiterer Vermerke in
Warschau am 23.9.1916 polizeilich angemeldet. Truppen und Behörden seien
angewiesen, ihn ungehindert passieren und ihm gegebenenfalls den nötigen
Schutz und Hilfe zu gewähren (so der Oberquariermeister in Warschau). Eines der
beiden beinhalteten Fotos zeigt Rettig mit der 1897 gestifteten Centenarmedaille.
Kurz vor Kriegsende im September 1918 wird sein Sohn Franz –  nunmehr 16
jährig – die Befähigung zum Einjährig Freiwilligen bescheinigt; er legt zuvor
offenbar sein Notabitur am Viktoria Gymnasium in Potsdam ab. Zu diesem
Zeitpunkt leistet sein Bruder Hans bereits Militärdienst. Die Verwaltung lässt
Rechnungsrat Rettig im Juni 1918 daher wissen, dass „die
Kriegsteuerungszulage“ von 276 Mk. nunmehr mit Ablauf des Monats eingestellt
werde. Hans und Franz überleben beide
den so furchtbaren und entbehrungsvollen Krieg.


Vater Alwin erlebt die Show – den vollständigen Zusammenbruch des Reiches auf
den besten Rängen als vorläufiger Intendanturrat in Berlin im Rechnungshof.
Im Handbuch des Deutschen Reiches 1918 ist er mit weiteren Beamten seines
Standes –lediglich- mit dem 1916 gestifteten preußischen Verdienstkreuz für
Kriegshilfe gelistet, was ihm angesichts seiner Jahrzehnte langen Leistung für den
preußischen Staat und seiner gehobenen dienstlichen Stellung sicher gestört
haben dürfte.4 Nachdem sich die Verhältnisse des Kriegsverlierers und
ausschließlich am Weltkriege schuldigen (so der Vertrag von Versailles) 
Deutschen Reichs etwas gebessert hatten,
ersucht Rechnungsrat Rettig bei seinem Chefpräsidenten Anfang  des Jahres
1920, nach Wiederaufnahme der Verleihungen, um Zuerkennung des begehrten
preußischen Eisernen Kreuzes. Zu diesem Zeitpunkt bezieht er inflationäre
Bezüge von jährlich nahezu 26.000 Mk.
Vermutlich hat der treue Rechnungsrat Bedenken, doch noch „dekorationslos“ 
aus dem Weltkriege hervorzugehen, weswegen ihm offenbar infolge einer
(Sachstands-)anfrage hin am 3.3.1920 durch das Abwicklungsamt des
Gardekorps mitgeteilt wird, das mit einer Verleihung des EK in 3-4 Wochen zu
rechnen sei. Rettig muss sich letztendlich noch bis zum 22.4 1920 gedulden; ein
Glückwunschschreiben seines Präsidenten vom 21.4.1920 ist dem Besitzzeugnis
der Abwicklungsstelle des Generalgouvernements Warschau zum Eisernen Kreuz
am weiß-schwarzen Bande nebst Dekoration und Band beigefügt
(Eingangsvermerk Rettig: 26.4.16).
Bei dem Besitzzeugnis  handelt es sich um eine sogenannten
Nachkriegsvordruck, welcher in großer Zahl und unterschiedlichen Varianten
existent ist. Üblicherweise werden maschinenverfasste, leicht zu vervielfältigende
und kostengünstigen Vordrucke verwendet, die lediglich mit einer „Im Auftrag“
und Dienststempelabdruck versehenen Unterschrift (gelegentlich auch als
Paraphe erscheinend)
 versehen sind. Gelegentlich findet man auch dekorative Vordrucke mit dem
Zusatz „Preußische Staatsregierung“.
Nachdem es sich um ein sogenanntes Massengeschäft bei den
Abwicklungsstellen handelte (eine Vielzahl der rd. 13.000 Eisernen Kreuze am
weiß-schwarzen Band für Heimatverdienst wurden erst nach November 1918
verliehen), welche sich in Teilen noch bis in die 1920er Jahre hinzog, war auch im
Falle Alwin Rettig dem(n) ausstellenden Amtsträger(n) ein Fauxpas unterlaufen.
Was war passiert?
Im Glückwunschschreiben seines Präsidenten ist die Rede vom Eisernen Kreuz am
weiss-schwarzen Band
Das Besitzzeugnis benennt den pflichtbewussten Rechnungsrat jedoch als Träger
des schwarz-weissen
 Bandes – üblicherweise für Tapferkeit zumeist infolge
„Frontbewährung“  verliehen!
Dieses bürokratielle Missverständnis bleibt auch dem Beliehenen nicht
verborgen, so dass dieser –ganz im Zeichen eines korrekten Beamten-
entsprechend nur 3 Tage später am 29.4.1920 bei Exzellenz Holtz
unterthänigst remonstriert und  im Wesentlichen anführt (soweit noch eine Leserlichkeit der
Notiz gegeben ist), das ihm die Abwicklungsstelle die Verleihung des „schwarz-
weissen“ Bandes bescheinigt, ihm jedoch die Dekoration am weiss-schwarzen
Bande übersandt habe. Er, Rettig wolle die Dekoration möglichst behalten, aber
aufgrund seiner Verwendung im Generalgouvernement in Warschau möge man
ihm doch das schwarz-weisse Band zuerkennen (Eitelkeit macht Freude!).  Eine
Antwort seines Chefpräsidenten findet sich in der Akte nicht. Vermutlich schweigt
dieser die Peinlichkeit aus.


1921 wird Rettig wegen einer „erheblichen“ Zunahme der Dienstgeschäfte des
Präsidialbüros (so Holtz) mit der Heranziehung seiner Arbeitskraft betraut; er wird
nunmehr als „Ministerialamtmann“ geführt. Seine auch weiterhin pflichtbewusste
volle Hingabe zum Beruf, ermöglicht ihm eine erneute Beförderung mit Wirkung
vom 1.4.1922 als Ministerialbürodirektor (vglb.eines Oberregierungsrates).
Sein Gehalt beläuft sich ab 1.9. d.J. auf 302.000 Mk. (wohl besser als Papiermark
bezeichnet) in der BesGr. 2b. In dieser Endstellung verbleibt Alwin Rettig bis zu
seiner Pensionierung am 1.11.1929 mit 65 Jahren und 3 Monaten.
Er hat zu diesem Zeitpunkt über 48 Jahre seinen Dienst versehen. Sein
Ruhegehalt beträgt 80 v. H.
und beläuft sich auf rd. 8700 Reichsmark pro Jahr. Das Witwengeld wird auf 60
v.H. festgesetzt. Alwin Rettig ist zu diesem Zeitpunkt immer noch in Potsdam mit
seiner Ehefrau beheimatet.
Die Mutter von Alwin Rettig  ist bereits am 4.12.1926 in Potsdam 86 jährig
verstorben und wird vom Tischlermeister Hermann Wünsche (ausweislich des
Vermerks in der Sterbeurkunde) tot aufgefunden.


Der Januar 1933 stellt eine Zäsur in der Deutschen Geschichte dar. Die
Nationalsozialisten übernehmen in Berlin die Macht.  Adolf Hitler wird zum Führer
und Reichskanzler ernannt. Vorausgegangen war für viele die „Schande von
Versailles“  - das Reich lag am Boden – Massenarbeitslosigkeit, Armut,
Hoffnungslosigkeit  und die junge Demokratie konnte sich rechter  Strömungen
nicht mehr entledigen.
Wenige Wochen später beginnt die Gleichschaltung im Reich. Höhere und höchste
Dienstposten werden mit gefolgstreuen NS-Parteimitgliedern und SS-Gefolge
besetzt. 


Mit Rundschreiben vom 21.6.1933 lässt der Reichsminister des Innern Dr. Frick
die nachgeordneten Dienststellen und Pensionäre wissen, das sich führende SPD
Persönlichkeiten in Prag befänden, um von dort aus den Kampf gegen die
nationale Regierung zu führen(...) Die SPD müsse daher als staats- und
volksfeindliche Partei angesehen werden (...) Die Landesregierungen seien
ersucht, die notwendigen Maßnahmen gegen die SPD zu treffen und ein
Ausschluss von Mandaten und Sperrung von Diäten zu erfolgen habe. (...) und
auch die Drohung gegen aktive Amtsträger in Behörden erscheint mehr als
eindeutig.
Der Erlass wird Bürodirektor a.D. Rettig gegen Empfangsbekenntnis zugestellt.
Seine Antwort vom 4.7.1934 hat sich in den Akten erhalten. Er teilt die
Kenntnisnahme entsprechend mit. Sein Schreiben weist am Ende keine
Höflichkeitsfloskel auf – er unterzeichnet förmlich mit Rettig
Ministerialbürodirektor i.R. Was er zu diesem Zeitpunkt denkt, bleibt sein
Geheimnis.


1934 ist einem Artikel der Potsdamer Zeitung vom 16. Juli zu entnehmen, das
Reichspräsident von Hindenburg die Stiftung eines Ehrenkreuzes für die
Teilnehmer des Weltkrieges veranlasst habe.
Es sei –so ein weiterer Artikel – ein Erinnerungszeichen wie die Kriegsdenkmünze
1870/71, weswegen dasselbe Band verwendet werde. Anträge auf Verleihung
seien unter Beifügung von Nachweisen bis 31.3.1935 an die örtliche
Ortspolizeibehörde zu stellen. Verdienste im Freikorpswesen, oder Verdienste
nach dem 31.12.1918 seien unbeachtlich.


Mit Datum 15.11.1934 stellt auch Alwin Rettig den Antrag auf Verleihung des
Ehrenkreuzes für Kriegsteilnehmer. Die Durchschrift ist ebenfalls seiner
Personalakte zu entnehmen. Als Orden und Ehrenzeichen gibt er folgende an:
-Centenarmedaille
-Dienstauszeichnung für 9 Jahre
-Verdienstkreuz für Kriegshilfe
-EK am schwarz-weissen Band (!) (Eine Klärung erfolgte also offenbar auch später
nicht)


Auf seinen Antrag hin, wird ihm das Ehrenkreuz am 4.4.1935 durch den
Potsdamer Polizeipräsidenten (Graf Zehdorff ?) unter der Listennummer 39/35
zuerkannt. Es handelt sich um seine letzte Dekoration – Alwin Rettig verstirbt am
30.7.1936 und erfährt in einer üppigen Todesanzeige auch eine letzte Ehrung seines ehemaligen
Dienstherrn – dem Rechnungshof des Deutschen Reichs. Er verbringt zu diesem
Zeitpunkt seinen Lebensabend in einer Pflegeeinrichtung in Bad Wildungen bei
den Diakonissinnen. Seine Frau Laura geb. Schwarze verstirbt bereits am
10.7.1935 in Potsdam nach „kurzem schweren Leiden“ im dortigen Krankenhaus.

 

Die Sterbebeihilfe für Alwin Rettig wird dem Sohn –mittlerweile Dr. juris- Hans
Rettig ausgezahlt und mit 1619,31 Mk. beziffert.

Als Erben werden er und sein Bruder Franz (Dr. Ing. und Chemiker) je zur Hälfte
gemäß Erbschein des Amtsgerichts Potsdam vom 19.8.1936 angegeben.

 

Dr. jur. Hans Rettig lebt 1944 in Leipzig und wird  als Offizier zur Wehrmacht
eingezogen. Über ihn findet sich lediglich ein durch die US-Streitkräfte
ausgestelltes englisches Attest von 1947, wonach ihm eine schwerwiegende
Erkrankung bescheinigt wird. Als Dienstgrad wird er mit Oberleutnant geführt.
Vermutlich wird er infolge dessen aus der Gefangenschaft entlassen. Später
siedelt er nach Osnabrück über.


Dipl. Ing. Dr. Ing. Franz Rettig stirbt ausweislich der Sterbeurkunde mit seiner
Frau Dora Anna Rettig (geb. Langanke, geboren zu Preussisch-Eylau) in den
Bombennächten der Reichshauptstadt Berlin
am 24.3.1944 durch Volltreffer in Berlin-Steglitz zwischen 22 und 24 Uhr. An
diesem Tag startet die Royal Air Force (RAF) einen Angriff mit 811 Bombern; 739
kehren zurück 5. 


1 BVerwG, B. v. 19.1.2016 -  2 B 44.14 m.w.N. (im Ergebnis verneinend,
betreffend den Vorwurf einer Amtspflichtverletzung eines Rechtspflegers),
welches hierdurch seine bisherige Rechtsprechung bestätigt.
2 Personalmangel ist auch heute im öffentlichen Dienst kein Einzelphänomen.
3 Gemeint ist das Attentat von Gavrilo Princip auf das österreichische
Thronfolgerpaar in Sarajevo im Juni 1914.
4 Die „Intendanturliste“ 1929 verzeichnet Rettig lediglich mit dem EK2 am
schwarz-weißen Band –   die restlichen Dekorationen, insbesondere das
Verdienstkreuz für Kriegshilfe  fehlen, so das auch diese Quelle mit gewisser
Vorsicht betrachtet werden muss.
5 Wikipedia – Das Onlinelexikon m.w.N.

 

 

 

 

 

 

 

Rechnungsrat Alwin Rettig

 

Glückwunschschreiben zum EK2w Präsident Holtz

 

EK2w 1914 nebst langen Orginalband - RechR. Rettig

 

 

Besitzzeugnis zum EK2 am schwarz-weissen Band RechR. Rettig

 

 

 

 

 

 

 

Ministerialbürodirektor a.D. Alwin Rettig - sein Ausweis für Briefmarkensammler

 

Nachruf - Todesanzeige Alwin Rettig 1936 Potsdam

Nichtkämpfer? Nichtkombattant?

 

Ein Nichtkämpfer (Nichtkombattant) ist eine Person, die an einen bewaffneten Konflikt teilnimmt, jedoch ohne aktiv hierin einzugreifen. (z.B. in der Heimat eingesetzte Sanitäter, Militärärzte, Militärpfarrer, Militärbeamte, Politiker, Gelehrte usw.)

 

Meine Page befasst sich mit dem Eisernen Kreuz - insbesondere jedoch am sogenannten Nichtkämpferband (d.h. ein weißes Band mit schwarzer Einfassung

phaleristisch (= ordenskundlich) auch einfach EK2w genannt). Dieses wurde durch Friedrich Wilhelm III. am 10.3. 1813 gestiftet ("Freiheitskriege") und 1870 u. 1914 jeweils "neu belebt". Das Kreuz wurde überwiegend für den zivilen Bereich in der Krankenfürsorge, der Beamtenschaft, der Industrie, dem Klerus, der Künstlerschaft  und im Diplomatentum, sowie sehr selten an Verbündete der Mittelmächte vergeben.

 

Die ersten Verleihungen des Eisernen Kreuzes 1914 erfolgten ca. ab Okt. 1914 und endeten im Jahre 1924 (sogenannte  Nachverleihungen).

 

Die Anzahl der Verleihungen zum EK2w lässt sich mit rund 13.000 beziffern.

 

Dem Trägerkreis zugehörig war beispielsweise auch Konrad Adenauer (am 27.1.1918 als preussischer Landrat für seine Verdienste um die Kriegsgesetzgebung). Seine Orden und Ehrenzeichen finden sich unter konrad-adenauer.de. Das  dort fälschlich "am Friedensband" bezeichnete Kreuz an einer Einzelfrackschnalle hat sich der Nachwelt erhalten. Er erhielt bis Nov.  1918 weiterhin das Verdienstkreuz für Kriegshilfe und den Roten Adler Orden 4.Klasse. - Diese Kombination einer Schnalle ist auf meiner Page in der Fotosession aufgeführt, oder beispielhaft Theodor Schmuz-Baudiß der k. Direktor der KPM  Berlin, sowie Richard Willstädter (jüdischer Erfinder der deutschen Gasmaske)

 

Weiterhin interessiere ich mich für das osmanische Pendant zum EK2w - den Eisernen Halbmond (Harp madalyasi) am weißen Band für Nichtkämpfer. Eine nahezu in der Phaleristik unerforschte Dekoration eines ehemaligen Verbündeten im 1. Weltkrieg - dem Osmanischen Reich. Der Eiserne Halbmond wurde im Jahre 1915 (1333) gestiftet.

 

Die Page ist derzeit im Aufbau und wird voraussichtlich ( meine Freizeit ist leider kostbar...)  noch weiter wachsen.

 

Sie soll anderen Sammlern eine hilfreiche Unterstützung darstellen. Ich verfasse auch zukünftig keine Blogs und werbe für, oder gegen irgend jemand anderen, geschweige denn ist diese Page eine Verkaufsplattform.

Meine kleine Sammlung habe ich in den letzten Jahren grösstenteils an Dritte veräussert. Ich befasse mich mittlerweile fast ausschliesslich nur noch mit der Forschung auf den angesprochenen Gebieten. Diese erstreckt sich derzeit auch noch auf phaleristische Themen des ehemaligen Großherzogtums Baden / Königreich Württemberg.

Ich danke anderen Sammlern und Weggefährten für die Bereitsstellung und Bildmaterial auf meiner Page. Just keep on rocking.

 

Für etwaige Fragen kann das Kontaktformular genutzt werden.

Die Beantwortung kann allerdings etwas Zeit in Anspruch nehmen.

 

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